Forschergruppe

Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses am europäischen Integrationsprozess stand bislang das wirtschaftliche, rechtliche und politische Zusammenwachsen Europas. Die europäische Integration führt insbesondere seit den 1990er Jahren aber auch zu einer grundlegenden Transformation der sozialen Beziehungen und der Lebenssituation der Menschen. Während sich das Leben der Menschen in der Nachkriegszeit vorrangig im Rahmen von Nationalstaaten abspielte, geht die Öffnung nationalstaatlicher Räume mit einer zunehmenden grenzüberschreitenden Verflechtung und einer stärkeren transnationalen Integration sozialer Interaktionen, Einstellungen und Deutungen einher. 

Die Öffnung bislang weitgehend nationalstaatlich regulierter und begrenzter sozialer Felder unter anderem durch die europäische Integration steht im Zentrum der Forschergruppe. Diese soll zur Konsolidierung einer soziologischen Europaforschung beitragen, indem sie ein Konzept feldspezifischer, konfliktträchtiger „horizontaler“ Europäisierungsprozesse entwickelt und in ausgewählten Beispielen empirisch unterfüttert. Aus soziologischer Perspektive wird Europa somit als Feld von Feldern begriffen. Dieses Konzept zielt auf die feldspezifischen Dynamiken, die multiplen Raumbezüge und die sozialstrukturellen Auswirkungen grenzüberschreitender Vergesellschaftungsprozesse, in ausgewählten Bereichen ab. Am Beispiel akademischer, bürokratischer, professioneller, arbeitspolitischer und identitätsbezogener Felder soll ein besseres Verständnis ausgewählter Europäisierungsprozesse, der damit verbundenen Konflikte, ihrer sozialstrukturellen Voraussetzungen und ihrer Auswirkungen auf die Muster sozialer Ungleichheit erarbeitet werden.

Unser Verständnis von Europa basiert auf einem Konzept feldspezifischer, mehrstufiger und umstrittener Prozesse von europäischer Vergesellschaftung. Grenzüberschreitende Aktivitäten finden in verschiedenen sozialen Feldern statt, die durch institutionell regulierte Beziehungen zwischen hierarchisch geordneten sozialen Positionen gekennzeichnet sind. Diese sozialen Positionen regulieren den Zugang zu feldspezifischen Ressourcen und Gelegenheiten, die die soziale Situation und Interaktion, Interpretation und Haltungen der Akteure beeinflussen. Diese Muster spiegeln sich in in symbolischen Kämpfen wieder, in denen Akteure versuchen, ihre Position zu verbessern und ihren Einfluss zu steigern.

Dieser Ansatz basiert auf der Sozialtheorie von Pierre Bourdieu und dem Neo-Institutionalismus. Während Ersterer Felder als Konfiguration von Positionen, Interessen und Kapital betrachtet, die in ständige Kämpfe um Macht und Anerkennung verwickelt sind, betont Letzterer den isomorphen Druck, der eine Konvergenz zwischen getrennten Einheiten erzeugen kann. Diese Kombination einer akteurzentrierten und strukturellen Perspektive erlaubt uns, unsere empirische Forschung auf sieben unterschiedlichen Feldern in einen gemeinsamen theoretischen Rahmen zu integrieren.

Die zweite Projektphase

Am Beispiel akademischer, bürokratischer, professioneller und ar­beitspoliti­scher Felder wurde in den letzten drei Jahren ein besseres Verständnis ausgewählter Europäi­sierungs­prozesse, der damit verbundenen Konflikte und ihrer Auswirkungen auf die Muster sozialer Ungleich­heit erarbeitet. Komplementär zur Europäisierung sozialer Felder wurde die Europäisierung des sozialen Raums (P. Bourdieu) untersucht, um die Transnationalisierung von Alltagspraktiken, kollektiven Erinnerungen und Referenzgruppen sozialer Ungleichheiten zu erfassen. Damit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von feld- und raumspezifischen Europäisierungsprozessen. Eine weitere theoretische Herausforderung war die Unterscheidung verschiedener Modi der Europäisierung (Macht/Zwang, Wettbewerb, Kommunikation und Kooperation), die mit Normierungs-, Imitations-, Lern- und Sozialisationsprozessen im Wissenschaftssystem, in der Asylverwaltung, im Alltag, bei EU-Professionals, im Feld der Arbeitsbeziehungen und bei den Dynamiken sozialer Ungleichheiten einhergeht. 

Angesichts der tiefgreifenden Krise der europäischen Vergesellschaftungsprozesse im Gefolge der Eurokrise soll in der zweiten Phase ein besonderer Akzent auf die Analyse der Konflikte und Spannungen zwischen nationalen und europäischen Regulierungen, Integrationsformen, Ungleichheitsmustern und Identifikationen gelegt werden. Diese Konflikte und Krisen etwa im Bereich der Asylverwaltung, der Reorganisation des Hochschulwesens, der Arbeitsbeziehungen oder der Lebenschancen in Europa sollen als Chance genutzt werden, um eine Typologie der immanenten Widersprüche transnationaler Vergesellschaftungsprozesse in Europa weiterzuentwickeln. Diese Typologie kann an der Unterscheidung politischer, ressourcenbezogener, kultureller und sozialer Dimensionen ansetzen:

Erstens sind Europäisierungsprozesse durch Spannungen gekennzeichnet, die mit der Ungleichverteilung sozialer Ressourcen und Chancen einhergehen. Insbesondere bei sozialen und wissenschaftlichen Ungleichheiten ist eine Vertiefung der Zentrum-Peripherie-Muster in Europa und eine Zunahme der sozialen Ungleichheiten zwischen verschiedenen Personengruppen zu beobachten. Dies wird als doppelte Dualisierung bezeichnet. Zweitens sind Europäisierungsprozesse durch konfliktträchtige Regulierungs- und Normierungsprozesse in einem politisch-administrativen Mehrebenensystem gekennzeichnet. Dies dokumentiert sich in der Politisierung europäischer Vergesellschaftungsprozesse. Drittens sind Europäisierungsprozesse durch konfligierende Deutungs- und Identifikationsmuster gekennzeichnet. Dies geht mit der Erosion von Vertrauen in die EU und allgemeiner mit der Erschütterung von Gewissheiten in den alltäglichen Lebenswelten einher. Viertens geht es in der Eurokrise um das Spannungsfeld nationaler und transnationaler Solidaritäten, die derzeit im Rahmen der europäischen Euro- und Schuldenkrise neu ausgehandelt werden.

Mit diesen vier Konzepten (doppelte Dualisierung, Politisierung, Erschütterung von Gewissheiten, umstrittene Solidaritäten) sollen die Herausforderungen der aktuellen,
krisenhaften Europäisierungsprozesse auf den Begriff gebracht und ein Beitrag zu einem ausdifferenzierten Erklärungsrahmen für die Dynamik sozialer Konflikte im Prozess der Europäisierung geleistet werden. Insgesamt soll somit in der Forschergruppe ein eigenständiger Beitrag zur theoretischen Entwicklung und zur Institutionalisierung einer soziologischen Europaforschung erbracht werden. Hierzu werden die unterschiedlichen Verlaufsformen und Modi horizontaler Europäisierung und die Krisen- und Konfliktdimension grenzüberschreitender Vergesellschaftungsprozesse in Europa untersucht.

Eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse und die nächsten Schritte der sieben Teilprojekte können der Mid-term Broschüre entnommen werden.