TP 3: Wie ausgeprägt ist die Solidarität zwischen den Bürgern und den Mitgliedsländern Europas?

2. Projektphase

Die Banken-, Euro- und Wirtschaftskrise der Europäischen Union hat die Solidarität zwischen den europäischen Ländern und Völkern auf eine harte Probe gestellt. Während manche wissenschaftliche Beobachter und politische Akteure die Solidargemeinschaft  ihres Nationalstaates als die zentrale Bezugseinheit der Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung ansehen und die Grundlagen für eine europäische Solidarität als nicht gegeben betrachten, sind andere Akteure optimistischer. Aus ihrer Perspektive sind die Grundlagen für eine den Nationalstaat überspannende europäische Solidarität gegeben, so dass eine weitere Vertiefung und auch Demokratisierung der EU voranschreiten kann.

Wir gehen in dem Projekt zwei Fragen nach: 1) In welchem Maße unterstützen die Bürger der Mitgliedsländer der EU eine Solidarität gegenüber den Bürgern anderer EU-Länder und dies in Relation zu einer nationalen und globalen Solidarität? 2) Wie kann man mögliche Unterschiede im Ausmaß einer europäischen Solidarität empirisch erklären? Lassen sich also Befürworter und Gegner eines Europas der Solidarbürger sozialstrukturell und ideologisch genauer bestimmen und bilden sie die Grundlage einer politisierbaren Konfliktlinie? Empirische Grundlage der Untersuchung bildet eine standardisierte Umfrage in fünf ausgewählten Mitgliedsländern der Europäischen Union. Unser Erkenntnisinteresse ist dabei nicht auf die Analyse eines sozialen Feldes von kollektiven Akteuren gerichtet, die sich um die Neudefinition von transnationalen Solidarbeziehungen bemühen, sondern auf eine Rekonstruktion der Solidaritätsdefinitionen der Bürger und damit auf die Konfiguration eines spezifischen sozialen Raumes.

Prof. Dr. Jürgen Gerhards
Head of Subproject 3
FU Berlin
Zsófia Ignácz
Head of Subproject 3
FU Berlin
Maximilian Priem
Researcher in Subproject 3
FU Berlin

1. Projektphase

Kollektives Gedächtnis als Basis einer Identifikation mit Europa

Mit einer zunehmenden Vertiefung der europäischen Integration steigt nach Ansicht vieler Beobachter der Bedarf nach einer kollektiven europäischen Identität. In der Forschung werden gemeinsame Vergangenheitsdeutungen häufig als wichtiges Element einer kollektiven Identität genannt. Im Kontext der Entstehung nationalstaatlicher Identitäten spielten sie eine entscheidende Rolle. Im Zuge der zunehmenden europäischen und globalen Vernetzung der Nationalstaaten lässt sich nun fragen, ob und wie sich die nationalstaatsspezifischen Vergangenheitsdeutungen für multiple und transnationale Erinnerungen geöffnet haben. Das Projekt geht dabei folgenden Forschungsfragen nach:

  1. In welchem Maße sind die Bürger in vier Ländern West- und Osteuropas ihrem nationalen kollektiven Gedächtnis verhaftet, in welchem Maße haben sie europäische bzw. globale Geschichtsinterpretationen bzw. multiple Geschichtsinterpretationen aufgenommen?
  2. In welchem Maße finden sich im „offiziellen“ nationalen Geschichtsverständnis Bezüge auf außernationale Ereignisse und inwiefern stimmt die Vergangenheitsdeutung der Bürger mit dem „offiziellen“ Geschichtsverständnis überein?
  3. Welche Faktoren auf der Makro- bzw. Individualebene können die Öffnung eines nationalen kollektiven Gedächtnisses und die Entstehung eines europäischen/transnationalen Gedächtnisses erklären?
  4. Schließlich soll erforscht werden, welche Effekte europäische Vergangenheitsdeutungen auf die Identifikation mit Europa und auf Einstellungen zur europäischen Integration haben.

Empirische Grundlage der Untersuchung bilden in der ersten Projektphase Fokusgruppeninterviews in vier Ländern, für die mögliche zweite Phase ist eine standardisierte Befragung in den vier Ländern vorgesehen.

Forschungsberichte