TP 4: Das Europa der Leute. Interaktion und Identität der EU-Bürger zwischen Nationalstaat und Weltgesellschaft

In Anlehnung an die transaktionalistische Integrationstheorie kann davon ausgegangen werden, dass eine europäische Sozialintegration aus transnationalem Handeln und Erleben der Europäer erwächst. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt 4 der Forschergruppe „Horizontale Europäisierung" das grenzüberschreitende Handeln sowie die Einstellungen der EU-Bürger, um der Frage nachzugehen, inwieweit sich Europa als spezifische Vergesellschaftungs- bzw. Vergemeinschaftungsebene zwischen Nation und Weltgesellschaft etabliert. Auf Grundlage von Umfragedaten (überwiegend Eurobarometer) wurden in der ersten Förderphase das Ausmaß, die soziale Stratifizierung und die sozialen Triebkräfte des transnationalen Handelns und Denkens der Europäer vornehmlich auf Individualebene für die EU-27 Länder erforscht.

Während in der ersten Förderphase ein ländervergleichender Ansatz der individuellen Transnationalisierung verfolgt wurde, verschiebt sich der Schwerpunkt in der zweiten Förderphase hin zu einer relationalen, netzwerkanalytischen Betrachtungsweise. Europäische Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung soll nun über grenzüberschreitende Ströme von Personen und Kommunikation (Vergesellschaftung) bzw. wechselseitige Wahrnehmungen und Einstellungen (Vergemeinschaftung) der Bevölkerungen analysiert und erklärt werden. Mithilfe der Methode der sozialen Netzwerkanalyse, welche eine weitaus differenziertere Untersuchung von Transnationalisierung und Europäisierung über dyadische Daten erlaubt, soll der konkreten Gestalt grenzübergreifender Transaktionsnetzwerke nachgegangen werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei insbesondere auf die Entwicklung transnationaler/ europäischer Praktiken und Einstellungen über die Zeit, auf die Binnenstrukturierung des europäischen Sozialraums (z.B. Zentrum-Peripherie-Beziehungen), und auf den Einfluss der Euro- und Finanzkrise auf die transnationale Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung in Europa.

Prof. Dr. Jan Delhey
Head of Subproject 4
Otto-von-Guericke-University of Magdeburg
Katharina Cirlanaru
Researcher in Subproject 4
Jacobs-University of Bremen
Emanuel Deutschmann
Researcher in Subproject 4
Otto-von-Guericke-University of Magdeburg
Auke Aplowski
Researcher in Subproject 4
Otto-von-Guericke-University of Magdeburg
Monika Verbalyte
Researcher in Subproject 4
Otto-von-Guericke-University of Magdeburg

1. Projektphase

Das Europa der Leute

Die transaktionalistische Integrationstheorie geht davon aus, dass eine Identifikation mit Europa aus transnationalem Handeln und Erleben erwächst. Allerdings verstärkt die europäische Vergesellschaftung vermutlich die Spaltung in Europagewinner und -verlierer. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt die objektive und subjektive Transnationalisierung der EU-Bürger. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:

  1. In welchem Ausmaß interagieren die Leute über Grenzen hinweg? Ist Europa dabei ein gegenüber anderen Weltregionen privilegierter Raum, so dass sich die Lebenswelt europäisiert?
  2. Welche Bevölkerungsgruppen sind die transnationale Avantgarde? Ist Transnationalisierung vertikal nach Klasse und Bildung geschichtet, oder eher horizontal nach Altersgruppen differenziert?
  3. Was sind die maßgeblichen gesellschaftlichen Triebkräfte sozialer Transnationalisierung, und wie groß sind die Unterschiede zwischen den Nationen im „Doing Europe“?
  4. Welche Folgen haben transnationale Interaktionen für Identitäten und europapolitische Präferenzen, und wie groß ist damit das politische Konfliktpotenzial horizontaler Europäisierung?

Das Teilprojekt ist quantitativ-empirisch angelegt und umfasst alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Hauptdatenquelle sind die Eurobarometer-Umfragen der Europäischen Kommission sowie prozessgenerierte Transaktionsdaten. Das Projekt verspricht neue grundlagentheoretische Erkenntnisse über Ausmaß, Bestimmungsfaktoren und Konfliktpotenzial grenzüberschreitender Vergesellschaftung.