TP 7: Europäisierung sozialer Ungleichheiten

Im Teilprojekt 7 werden die Muster sozialer Ungleichheiten in Europa empirisch analysiert, da die grenzübergreifenden Bedingungsfaktoren und die transnationale Wahrnehmungen ungleicher Lebenslagen durch die europäische Integration zunehmend an Bedeutung gewinnen. Auf Grund­lage europäischer Mikrodatensätze (insbesondere EU-SILC, LFS) wurden in der ersten Phase die Struktur von Einkommensungleichheiten, Armut und Deprivation und ungleiche Teilhabechancen in den Bereichen Erwerbsarbeit und Gesundheit beschrieben, um der Multidimensionalität sozialer Lagen in Europa Rechnung zu tragen. Diese Muster und ihre Entwicklung wurden unter Rückgriff auf soziodemographische Merkmale und nationale Kontextfaktoren insbesondere durch Mehrebenenanalysen erklärt. Hierbei wurde Europa erstens als supranationaler Raum, zweitens als politisch gestalteter Raum und drittens als transnationaler Verdichtungsraum unterstellt. Ein zentrales Ergebnis war die „doppelte Dualisierung" des europäischen Raums, da sich die objek­tiven Lebenslagen seit Beginn der aktuellen Finanzmarkt-, Staatsschulden- und Wirtschaftskrise in nahezu allen betrachteten Dimensionen deutlich zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und zwischen nord-, west- und kontinentaleuropäischen Ländern einerseits und süd- und osteuropäi­schen Ländern andererseits auseinanderentwickeln.

In der zweiten Phase werden diese Analysen fortgeführt und um weitere bislang nicht behandelte Dimensionen (etwa Zugang zu Bildungschancen) ergänzt werden. Weiterhin wird die Analyse der sozialen Ungleichheiten in drei Richtungen weiterentwickelt: Zum einen werden auf Grundlage des Zusatzmoduls 2013 von EU-SILC die subjektiven Dimensionen von Ungleich­heit betrachtet, um den Zusammenhang von objektiven Lebenslagen und subjektiver Wahrnehmung auch mit Blick auf die Frage einer Europäisierung des Referenzrahmens zu analysieren. Zweitens sollen die begrenzten Chancen zu einer Längsschnittanalyse genutzt werden, um die Verfestigung und Dynamik von Armut und Ausgrenzung zu beschreiben. Drittens wird eruiert, ob die multiple Korrespondenzanalyse als Technik zur visuellen Repräsentation des europäischen Raums und der entsprechenden sozialen Unterschiede und Konfliktlinien genutzt werden kann.

Prof. Dr. Martin Heidenreich
Speaker of the Research Unit; Head of Subproject 7
University of Oldenburg
Dr. Jenny Preunkert
Head of Subproject 7; Coordinator
University of Oldenburg
Sven Broschinski
Researcher in Subproject 7
University of Oldenburg
Matthias Pohlig
Researcher in Subproject 7
University of Oldenburg
Patricia Bruns
Researcher in Subproject 7
University of Oldenburg
Merle Toborg
Researcher in Subproject 7
University of Oldenburg

1. Projektphase

Europäisierung sozialer Ungleichheiten

Soziale Ungleichheiten können nicht mehr ausschließlich im Rahmen von Nationalstaaten begriffen werden. Eine zentrale Herausforderung der Europasoziologie ist daher die Untersuchung von Ungleichheiten, die in einem regional-national-europäischen Mehrebenensystem hervorgebracht und reguliert werden. Auf Grundlage europäischer Mikrodatensätze (insbesondere EU-SILC, LFS) sollen in dem hier vorgeschlagenen Projekt erstens die Struktur der Einkommensungleichheiten und zweitens die ungleiche Ausstattung mit materiellen Gütern und die ungleichen Teilhabechancen in den Bereichen Erwerbsarbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Teilhabe beschrieben werden, um der Multidimensionalität sozialer Lagen Rechnung zu tragen. Drittens sollen die rekonstruierten Ungleichheitsmuster unter Rückgriff auf regionale Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktstrukturen, nationale Institutionen und europäische Marktöffnungs- und Regulierungspolitiken erklärt werden. Damit kann überprüft werden, ob sich die bislang weitgehend abgeschlossenen nationalen „Ungleichheitsräume“ durch supranationale Integrationsprozesse und subnationale Differenzierungsprozesse öffnen. Auch wenn nationalstaatliche Politiken und Institutionen immer noch maßgeblich die soziale Lage der Bevölkerung beeinflussen werden, könnte dies als Hinweis auf eine Europäisierung sozialer Ungleichheiten interpretiert werden.

Forschungsbericht